Gesellschaft für Tanzforschung
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Symposium 2019 - Symposiumsbericht

Sens(e)ation
in Tanzkunst und Wissenschaft

27. - 29. September 2019 in Zusammenarbeit mit dem IPF /Departement Darstellende Künste und Film der ZHdK Zürcher Hochschule der Künste, in Zürich/Schweiz

 

Ein sensationelles Symposium liegt hinter uns, das seinem Titel SENS(e)ATION in Tanzkunst und Wissenschaft in vielerlei Hinsicht gerecht werden konnte.
Über 150 neugierige Teilnehmer*innen pilgerten am letzten Septemberwochenende 2019 ins Toni-Areal der ZHdK, der Zürcher Hochschule der Künste, in das Gebäude, das verschiedenste künstlerische Ausbildungen auf inspirierende Weise in sich vereint. In insgesamt 48 Veranstaltungen (Vorträge, Lecture Demonstrations, Workshops, zwei künstlerische Abendprogramme) setzten sich über 60 Referent*innen und Akteur*innen mit den kleinen und grossen Sensationen, den inneren und äusseren, den fremden und eigenen auseinander und traten in den Dialog mit dem Publikum, wobei die verschiedenartigen Räume den Charakter der Auseinandersetzungen mitprägten. Der Hörsaal mit seiner nüchternen Form forderte zum wissenschaftlichen Diskurs heraus, verführte jedoch auch zu Spielereien rund ums Thema, der Inszenatorikraum mit seinen Verwandlungsmöglichkeiten begünstigte künstlerische Herangehensweisen während der Lecture Demonstrations, die Tanzstudios gaben der körperlichen Erfahrung wie auch der Reflexion viel Raum, im Kino kam richtig Stimmung auf und die grosse Eingangshalle lud zum Performen ein. Dadurch wurden auch zufällige Passant*innen angelockt und das Stimmengewirr am Freitag in der Eingangshalle widerspiegelte wohl den Alltag in der ZHdK mit ihren unterschiedlichen Angeboten und Menschen.

Die Begrüssung erfolgte durch ein aussergewöhnliches, sich sehr ergänzendes Trio: die neugewählte Direk-torin des Departements Darstellende Künste und Film wähnte sich glücklich, dass durch dieses Symposium dem Tanz mit seiner künstlerisch forschenden Auseinandersetzung in ihrem Haus Raum gegeben wurde; die 1. Vorsitzenden der gtf zeigte sich begeistert von der Möglichkeit, in dieses Kunstausbildungshaus die künstlerischen Forschungsansätze und deren Diskussion hineinzutragen und die Verantwortliche für den Studiengang MA Dance, Choreography/Teaching and Coaching der ZHdK sah sich bestärkt, ihren Weg der künstlerischen Forschung weiterzugehen - eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.

Das performative Element zog sich durch verschiedene Beiträge durch. Während der Begrüssungsrede wurden die sensationelle Symposiumspapiertasche und deren Inhalt sinnlich vorgestellt. Die Einführung ins Thema erfolgte aus dem Off, während die Vortragende ihre inneren Sensationen wie spürbares Herzklopfen und heisse Stirn verbalisierte und demonstrierte. Auch die weiteren Referent*innen nutzten häufig die Gelegenheit des etwas andersartigen Vortragens.   

So spielte die erste Keynote-Speakerin Chrysa Parkinson, Professorin für Tanz an der University of the Arts in Stockholm, mit ihrem Manuskript und liess Blätter überall liegen. Sie betrachtete die sensorische Erfahrung im künstlerischen Prozess und betonte den sinn-stiftenden Aspekt in der persönlichen, meist unsichtbaren künstlerischen Praxis von Tänzer*innen.
Überzeugt in seiner Präsentation hat Rasmus Ölme, Professor und Leiter des BA Dance and Choreography an der National Danish School of Performing Arts in Kopenhagen, der die Zuhörer*innen auf seine Reise zu Dancing on the Threshold of Sense mitnahm,  die Sinnhaftigkeit  in der Relation von Tanz und Choreografie aufzeigte und Beispiele seines Forschungsansatzes tänzerisch demonstrierte.
Als dritter Keynote-Speaker liess Sebastian Matthias, Choreograf und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hafen City Universität Hamburg, am Sonntagmorgen fast 100 unermüdliche Symposiumsteilnehmer*innen in Gruppen grooven, manch eine*r kam an physische Grenzen, doch bei dieser Masse wurden alle einfach mitgezogen! Ein Zusammenhang zwischen dem subjektiven inneren Nachspüren der rhythmischen Bewegung (‘eigentlich bin ich müde’) und den sich synchronisierenden Bewegungsinteraktionen (‘ich bin Teil der Gruppe/Masse’) wurde spürbar. Mit seinem Forschungsansatz zeigte Sebastian Matthias auf, wie er sich diesen körperlichen Kommunikationsstrategien nähert und die Empfindungs-und Wissensfelder der Tanzfläche zu durchdringen sucht. Die vielen Mutigen am Sonntagmorgen konnten eine sensationelle Erfahrung machen und die Forschungstätigkeit der gtf erhielt einen zukunftsweisenden Weg aufgezeigt.
Der anschliessende Workshop von Patricia Carolin Mai zum Thema HAMONIM – Was die Masse bewegt schloss sich nahtlos an das Groove-Thema an und ihre Fotos verweisen auf eindrückliche Körper-Masse-Inszenierungen.


Einige weitere Eindrücke verschiedener Beiträge:

Urban Touch von Edda Sickinger wurde als lecture video performance angekündigt. Die Performe-rin/Referentin nutzte die verschiedensten Ebenen von Sinneswahrnehmung, um ihr Statement erfahrbar zu machen, dass Berührungen zwei Bedeutungen haben (“Touching” holds a double character as (1) getting into contact and (2) to affect or be affected). Eine rot-silbrige Folie wurde vorerst auf dem Boden mit einem Föhn aufgebläht, dann als Kleid um ihren Körper geschlungen, schliesslich verdoppelt gezeigt im Video mit dem Titel Urban Touch.
Holger Hartung veranschaulichte mit dem Thema Risse (Ruptures, tears, fissures), dass unsere Aufmerk-samkeit in atemberaubende Weise von dieser Sensation gepackt werden kann und erläuterte dies am Beispiel eines «performative walk» von Ann Nilson und Nigel Kennedy.
Annamira Jochim fragte sich im Zusammenhang mit dem Kunstwerk «Triptych von Francis Bacon, ob sich mit der Idee des Bildes die Gleichzeitigkeit von verschiedenen Elementen sowie ihre Verschiebungen und Schichtungen analysieren lasse.
Herausfordernd wurde es auch bei René Reith, der nach dem Choreografieren der (Nicht-) Sichtbarkeit sucht. Nach einer Übung mit geschlossenen Augen zeigte sich, dass unterschiedliche Sehvorgänge unterschiedliches Körperwissen hervorbringen.
Chris Lechner erforschte zusammen mit Sunita Asnani und Angela Stöcklin in einem Workshop das Tanzstudio als ökologische und kulturelle Umwelt. Gegenstände wie Yogamatte oder Theraband, die unterschiedlich berührt, betrachtet, zum Tönen gebracht wurden, forderten zu unterschiedlichem körperlichen Verhalten heraus. Mit dem körperlichen Bewegungsarchiv befasste sich Bettina Bläsing in ihrem Workshop und wies darauf hin, wie Ansätze der Vermittlung und Körperwahrnehmung mit theoretischen Hintergründen und Erkenntnissen aus der empirischen neurokognitiven Forschung verknüpft werden können.
Zu einer äusserst lebendigen Diskussion regte MALU – Learn While You Dance, eine Schnittstelle zwischen Tanz und Bildung von Marlene Janzen und Lucia Glass an, ging es doch um eine Methode, die den Körper mit seiner bewussten Sinneswahrnehmung und seinen unbewussten Eindrücken und Prägungen als die Quelle betrachtet, aus der Wissen und Einsichten generiert wird.
Wie können Potato Prints, Kartoffelstempel, die wir von der Kindheit her kennen, als Übersetzungsmodi von einer non-verbalen Sprache (Kartoffeldruck) in eine andere non-verbale Sprache (Tanz, Bewegung) genutzt werden? Auf äusserst humorvolle Weise enthüllten uns die beiden bildenden Künstler*innen Nora Frohmann und Clemens Fellmann wie sich die Praxen nicht nur miteinander verknüpfen, sondern sich auch gegenseitig beeinflussen lassen.
Heike Kuhlmann referierte sehr anschaulich über die Frage von embodied thinking im künstlerischen Prozess und generiert hier den Begriff der Somatic Choreography.
Rée de Smit, Kirsten Bremehr, Helena Meier & Anna Ilg präsentierten eine eindrucksvolle Performance, die die sinnliche Erfahrung von Salz provozierte und die Schnittstellen von Forschungsgegenstand, For-schungsmethode, und Instrument der künstlerischen Forschung verdeutlichte.

In der Abschlussrunde am Sonntag erfolgte ein Brainstorming zu den Untertiteln des Symposiums, was auch als kreative Aufforderung gedacht war, sich zum Erlebten und Erfahrenen Gedanken zu machen. Jemand verwies zum Beispiel auf die bereichernde Erfahrung des Vernetzens: «Connections with fellow artists &researchers that are extremely valuable». «Erzähl mir deine Tanzgeschichte – ist meine Tanzgeschichte auch Kulturgeschichte?» «bilden Sinn(e) bilden Sinn(e) bilden – Tanz als gesellschaftsgestaltende Kraft».
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Erstmalig fand im Vorfeld des Symposiums ein drei-stündiges Forschungskolloquium unter der Moderation von Gabriele Brandstetter und Anton Rey stattfand. Teilnehmer*innen waren ausgewählte angehende Promovierende, die damit die Chance erhielten, ihre Denkansätze unter fachkundigem Rat zu diskutieren. Auch erstmalig wurde der Forschungspreis der Gesellschaft für Tanzforschung für akademische Abschluss-arbeiten im Tanz vergeben. Ausgezeichnet wurde Lina Höhne für ihre Masterarbeit «Tanz als Mittel der Resozialisierung? – Eine ethnografische Studie in der Jugendstrafanstalt Berlin».
Aus Sicht der Symposiumsleiterinnen fand somit während drei Tagen ein vielschichtiger, bewegter, ver-zweigter Diskurs über das weite Thema der Sinne und der Wahrnehmung statt.

Wir danken an dieser Stelle ganz herzlich Anton Rey vom IPF, Institute for the Performing Arts and Film, der uns in der Vorbereitung mit seinem Wissen und seinen Erfahrungen unterstützt hat und Gianni Malfer vom BA Contemporary Dance/MA Dance, der sein grundsätzliches Einverständnis zu diesem Abenteuer gegeben hat. Wir danken allen Referent*innen und Workshopleiter*innen, die mit ihrem Engagement zum Gelingen des Symposiums beigetragen haben, allen Moderator*innen für ihr Geschick des Begrüssens und Verbindens und den vielen Helping Hands der Geschäftsstelle gtf und der ZHdK, ohne die ein solcher Anlass nicht stattfinden könnte. Sensationell!

Margrit Bischof und Friederike Lampert
Konzeption und Organisation des Symposiums

 

Der TAGUNGASBERICHT als Download

Lesen Sie hier das ausführliche Booklet zum Symposium